Das Projekt „Netzwerk FAMILIE - ARBEIT - MITTELSTAND im MÜNSTERLAND – FAMM“ ist abgeschlossen. Diese Projektwebsite www.fam-muensterland.de steht weiterhin für alle Interessierten offen, sie wird allerdings nicht mehr aktualisiert.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch nach Projektabschluss für uns und unsere Partnerorganisationen ein wichtiges Anliegen. Verfolgen Sie auf unserer Homepage www.heurekanet.de, wie wir die Vereinbarkeit in der Gesundheitswirtschaft mit dem Projekt ampaq und im Maschinen- und Anlagenbau mit dem Projekt FAM²TEC voranbringen.


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FAMM Webseite am 19.07.2018
Kinderwagen, Größe XXL
Westfälische Nachrichten, 18.09.2009

Kinderwagen, Größe XXL

Rheine. „Haben Sie denn auch einen Lkw-Führerschein?“ scherzt der ältere Herr. „Cooles Teil“, findet ein junger Baseballkappenträger. Und eine Dame mittleren Alters erkundigt sich besorgt: „Sind das alles ihre?“ - Kein Zweifel, wenn Andrea Büscher ihre fünf Steppkes im Kinderwagen spazieren fährt, kann sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Passanten gewiss sein. Denn ihr Kinderwagen ist Größe XXL - mindestens.
Sechs Kinder finden in dem aus Dänemark stammenden Kinderbus der Marke Winther 801 Turtle Platz. Die Maße der kolossalen Kinderkarosse sind beeindruckend: 174 Zentimeter lang, 75 Zentimeter breit und 105 Zentimeter hoch. Ein seitliches Trittbrett ermöglicht den Einstieg, eben wie bei einem richtigen Bus. Eine drehbare Achse vorn erleichtert das Manövrieren, eine Handbremse bringt das 36 Kilo schwere Gefährt auch voll beladen verlässlich zum Stehen.

Justus, Joshua, Christian, Hannah und Canberk haben es es sich im Kinderbus bequem gemacht. „Enten gucken!“, quengeln sie. Der Vormittag ist kurz. Und in der Stadt gibt es viel zu sehen.

Vom MV-Verlagsgebäude aus geht die Fahrt unter den verdutzten, manchmal auch belustigten Blicken der Passanten zur Emsstraße, wo Andrea Büscher auf dem abschüssigen Teil die Bremswirkung des Gefährtes unter Beweis stellt. Dann wendet sie den Kinderbus und es geht wieder bergauf. Andrea Büscher ist eine große, kräftige Frau. Trotzdem macht ihr die Steigung etwas zu schaffen. Erleichtert biegt sie in die Münsterstraße Richtung Marktplatz ein. Auf dem Kopfsteinpflaster werden die kleinen Fahrzeuginsassen ziemlich durchgeschüttelt. Geländegängig ist der Kinderbus nicht gerade. An einem Marktstand wird ein Zwischenstopp eingelegt und Proviant geladen - jedes Kind bekommt eine Banane.

So oft wie möglich fährt Andrea Büscher „ihre“ Kinder im Kinderbus spazieren. Die 46-jährige ehemalige Bundeswehr-Verwaltungsangestellte hat vor drei Jahren zur Pflegemutter umgeschult, als die Luftwaffenbasis in Hopsten-Dreierwalde endgültig geschlossen wurde. Über Grund- und Aufbaukurse und in Fortbildungsmaßnahmen bei der FBS hat sie sich qualifiziert. „Kinder sind doch so was Schönes. Das ist mein Traumberuf“ sagt die Mutter einer neunjährigen Tochter.

Mit zwei Kindern fing es vor drei Jahren an, heute betreut Andrea Büscher fünf Kinder zwischen einem und zweieinhalb Jahren. „Aber damit kommt man dann kaum noch vor die Tür“, weiß sie. Zwar haben die Kinder in dem großen Haus mit Garten auf dem Dorenkamp viel Platz. „Aber die wollen auch mal raus, mal was anderes sehen.“ Doch womit? Das passende Gefährt, den Kinderbus, fand Andrea Büscher ziemlich schnell im Internet bei einem dänischen Hersteller. Aber der XXL-Kinderwagen kostet rund 1500 Euro in der Basisausführung. Die zahlt eine Pflegemutter nicht mal eben aus der Portokasse. Andrea Büscher suchte einen Sponsor - und fand ihn schließlich nach zwei Jahren Klinkenputzen in der Firma Apetito, die ein großes Herz für Kinder hat. Da Firmenspenden an Privatleute rechtlich problematisch sind, gehört der XXL-Kinderbus offiziell dem Caritas-Verband. Er ist jedoch bei Andrea Büscher stationiert und kann von anderen Tagesmüttern dort gebucht werden.

„Ist das Essen auf Rädern?“ will ein junger Mann, auf das Apetito-Logo deutend wissen, als der Kinder-Truck vom Marktplatz aus in Richtung Ems rumpelt. Andrea Büscher lacht. Die Kommentare der Passanten stören sie nicht, im Gegenteil - sie freut sich über die Aufmerksamkeit. „Das ist ja irgendwie auch Werbung für unseren Beruf. Tagesmütter gibt es nämlich noch viel zu wenige“, weiß sie. Und dann geht es ab auf die Emspromenade - Enten gucken.